Haben wir eine Seele?

 

Haben wir Menschen eine Seele? Gibt es so etwas wie eine Seele? Etwas, das nach unserem Tod – dem Tod unseres Körpers – weiterbesteht, vielleicht in einem Jenseits, vielleicht auch in einem anderen Körper, wie es Religionen sagen, die an eine Seelenwanderung glauben?

 

Seele“ ist zuerst einmal ein Wort. Die Frage „Gibt es eine Seele“ bedeutet soviel wie „Gibt es einen Gegenstand, der dem, was wir unter „Seele“ verstehen, so nahe kommt, dass wir dieses Wort auf ihn anwenden können?

 

Wir stellen uns diese Frage zu Recht. Was Seele sein soll, ist nämlich alles andere als klar. Im Alltag verstehen wir unter diesem Wort etwas, was uns ausmacht, etwas Unsterbliches, das sich nach dem Tod vom Körper löst und je nach den Taten des Menschen ein ewiges Leben im Himmel oder in der Hölle verbringt. Weitgehend unbekannt ist uns, dass die Bibel eine solche Vorstellung von Seele nicht kennt. Nach der biblischen Schöpfungsgeschichte wird der Mensch nach seinem Tod wieder zu Erde. Jesus glaubte an eine baldige Herkunft einer neuen Welt und an eine Auferstehung der Toten. Was in seiner Vorstellung auferstehen würde, war aber der Körper selbst.

 

Der griechische Philosoph Aristoteles betrachtete als „Psychê“ alle die Vermögen, die aus einem des Lebens fähigen Körper einen lebenden Körper machen. Unserer heutigen Vorstellung weitgehend entsprochen hat die Vorstellung von Aristoteles' Vorgänger Platon. In seiner Geschichte des „Er“ (9. Buch seiner Schrift über das Staatswesen) vertritt er eine Art von Seelenwanderung, verbunden mit einer Vorstellung von Himmel und Hölle.

 

Eine sehr interessante Meinung vertrat der französische Philosoph René Descartes. Ausgehend von der Tatsache, dass wir uns über alle äusseren Ereignisse täuschen können, unterschied er eine denkende und eine ausgedehnte Substanz. Heute würden wir die ausgedehnte Substanz als Materie bezeichnen, die denkende als Geist. Allerdings identifizierte er die denkende Substanz ausdrücklich nicht mit der Seele, vielleicht, um die damals noch fast allmächtige Kirche nicht herauszufordern.

 

Descartes' Auffassung gilt in der heutigen Philosophie weitgehend als überholt. „Seele“ wurde gleichsam ein Unwort. Man weiss doch, dass es so etwas nicht gibt! Es ist das Gehirn, das denkt. Einen denkenden Gegenstand finden wir im Gehirn nicht. Also gibt es keine Seele!

 

In vergangener Zeit wurde die Existenz einer Seele nicht in Frage gestellt. Eine Gruppe von Wissenschaftlern versuchte sogar, sie empirisch nachzuweisen. Sie versuchte deren Gewicht zu bestimmten und wog dazu den Körper eines Menschen vor und nach seinem Tod. Die Wissenschaftler wollten dabei einen Unterschied festgestellt habe.

 

Trotz allem beschäftigt uns das sog. Leib-Seele-Problem noch immer. Wie bringen wir den Körper mit seinen physikalisch-chemischen Vorgängen und unseren Geist zusammen? Die Philosophie des Geistes befasst sich mit diesem Problem. Gelöst hat sie es nicht.

 

Das Problem beschäftigt uns. Als an unserem Sein Interessierte stellen wir uns die Frage nach dem Woher und dem Wohin. Was kommt nach dem Tode? Gibt es ein Jenseits? Dient unser Sein einem höheren Sinn, zum Beispiel der Vorbereitung auf ein späteres ewiges Leben? Wir stellen viele Fragen, auf die wir keine Antwort kennen und wohl auch nie kennen werden.

 

Hier eine erfundene Geschichte: Japaner möchten bei ihren Reisen nach Europa in der kurzen Zeit möglichst viel sehen. Das gilt auch für unseren sehr sportlichen Freund Agushi. Kurz vor seiner Heimreise wollte er unbedingt noch einen hohen Berg besteigen. Wohin am besten? Agushi kannte den Namen „Zermatt“. Also auf nach Zermatt. Er fand rasch einen Führer. Mit ihm zusammen in eine Hütte, übernachten. Am nächsten Morgen sehr früh aufgestanden und los. Führer und Gast kamen rasch voran, beide verfügten über eine ausgezeichnete Kondition. Es gab noch einige Kletterei – für den sportlichen Agushi kein Problem. Schliesslich auf dem Gipfel. Schönstes Wetter, glasklarer Himmel, kein Wölklein! Begeistert fotografierte Agushi das ganze Panorama, sorgfältig bemüht, nichts auszulassen. Dann eiliger Abstieg. Agushi durfte den Rückflug nicht verpassen! Zuhause in Japan zeigte er stolz seine Fotos. Es waren ausgezeichnete Bilder. Sie enthielten das ganze Panorama lückenlos. Plötzlich einer seiner Freunde: „Agushi, du schwindelst. Dein Ausflug auf einen Berg bei Zermatt ist eine Erfindung. Ich kenne Zermatt. Bei Zermatt gibt es diesen berühmten Berg, das Matterhorn. Auf deinen Fotos ist aber nirgends ein Matterhorn zu sehen. Dabei war die Luft glasklar. Man hätte es sehen müssen. Also ist es unmöglich, dass du einen Berg bei Zermatt bestiegen hast!“ War unser Freund Agushi wirklich nicht in Zermatt, oder gibt es etwa das Matterhorn gar nicht?

 

Was ich mit dieser Geschichte zeigen will: Da ist etwas. Es ist einfach da. Es ist wie in der Geschichte von unserm jungen Japaner: Er sieht nur das Panorama. Der Berg, auf dem er steht, bleibt seinem Blick verborgen. Und doch können wir an seiner Existenz nicht zweifeln.

 

Da ist etwas, an dessen Existenz ich nicht zweifeln kann. Es ist mein je gegenwärtiges Erleben. Es ist einfach da, ob ich will oder nicht. Es begleitet mich auch im Traum, wenn ich mir die Frage nach meiner Existenz nicht stelle. Ich kann es nicht aus der Welt schaffen. Daher muss ich es als das Wirklichste betrachten. Erleben ist offensichtlich mit Vorgängen im Gehirn verbunden. Es besteht in verschiedenen Eigenschaften. Ich kann dieses Erleben in meinem Gehirn und an anderen Orten suchen, solange will. Finden werde ich nichts.

 

Als etwas unmittelbar Gegebenes ist das Erleben auch die Grundlage für jede Erkenntnis. Es lässt mich auf die Existenz einer äusseren Welt schliessen, auf meinen Körper, der mich immer begleitet, und auch auf die Existenz anderer Menschen, auf Wesen mit einem Körper wie der Meinige und die offensichtlich ebenfalls über Erleben verfügen.

 

Ich kann mich in meinem Erleben betrachten. Ich bestehe in meinem Erleben. Mein Erleben ist dasjenige, was mich ausmacht. Ich kann auch sagen; „Ich bin, und ich habe einen Körper.“ Am Körper könnte ich zweifeln, an meinem Erleben nicht.

 

Erleben hat noch eine weitere, höchst rätselhafte Eigenschaft. Erleben hat einen Wert, einen realen. Dieser Wert macht seine Bedeutung aus. Erleben kann angenehm oder unangenehm sein. Wir können uns freuen oder wir können leiden, sogar grässlich leiden. Dank seiner angenehmen oder unangenehmen Qualität gibt es Gutes und Schlechtes. Es gibt reale Werte, Werte, die nichts mit subjektiver Bewertung zu tun haben, die bestehen, ob wir es wollen oder nicht.

 

Wir können dieses Gute und Schlechte nicht verstehen, ohne zu staunen. Wir leben in einem Universum, das vermutlich mit einem Urknall begann. Eine materielle Struktur entstand. Das Universum wuchs. Und eines Tages entstanden Wesen, die etwas fühlen, die etwas als angenehm oder unangenehm empfinden. Materielle Strukturen können Empfindungen hervorbringen! Erleben kann angenehm oder unangenehm sein. Das Angenehme ist derart, dass es anzustreben sich lohnt. Dem Unangenehmen gehen wir klugerweise aus dem Weg. Wir sind an unserem Erleben interessiert. Es lohnt sich, das Angenehme zu suchen und dem Unangenehmen aus dem Weg zu gehen. Es gibt ein Sein, aus dem ein Sollen folgt!

 

(Nach dem sog. materiellen Fehlschluss kann ein Sollen nie aus einem Sein folgen. Soweit es nicht um unser eigenes Empfinden geht, vertrete auch ich diese Meinung.)

 

Wir können Erleben nicht erklären. Eigentlich müsste ich sagen „noch nicht“, denn ich kann nicht beweisen, dass wir es nie können werden. Aber ich bin von seiner grundsätzlichen Unerklärbarkeit überzeugt. Ich begründe sie so: Wir können nur wissen, wie sich etwas anfühlt, wie für uns zum Beispiel der Geruch von Knoblauch riecht, wenn wir die entsprechende Empfindung schon einmal gefühlt haben. Zwar werden vermutlich Empfindungen durch bestimmte Vorgänge im Gehirn ausgelöst. Doch unser Wissen über diese Vorgänge müsste von selbst im Gehirn die dazu gehörige Empfindung auslösen. Wir haben keine Ahnung, wie das möglich sein könnte.

 

Wir weisen uns in unserem Erleben Identität zu. Die Philosophie des Geistes spricht von „personaler Identität“. Intuitiv halten wir uns für Wesen, deren Identität an einen bestimmten Körper gebunden ist, und zwar von der Geburt bis zum Tod. Ich als Seele bin dieses meinen jetzigen Körper beseelendes Selbst. So verstehe ich mich, das meine ich, wenn ich „ich“ sage. Doch ist diese Vorstellung von personaler Identität wirklich sinnvoll? Ich weiss es nicht. Könnte ich nicht zum Beispiel in einem anderen Körper derselbe sein? Ich weiss auch nicht, ob mein Erleben mit dem Tode meines Körpers endgültig verschwindet. Ich kann es mir gar nicht vorstellen.

 

Es sind dies Fragen, auf die wir wohl nie eine Antwort finden werden.

 

Auf ein Leben in einem Jenseits hoffen? Wir wissen nur um das Hier. Wir müssen uns damit abfinden, dass es vielleicht nichts Weiteres gibt. Daher fehlt ein Grund, unser Handeln auf etwas Jenseitiges auszurichten. Himmel und Hölle als etwas Gewisses finden wir nur hier auf Erden.

 

Halten wir fest: Unser Erleben ist, was uns ausmacht. Wir finden es nirgends in der äusseren Welt. Und doch ist es das Wirklichste, das wir kennen. Dank ihm und seiner angenehmen oder unangenehmen Beschaffenheit habe wir an unserer Existenz ein reales Interesse. Wir werden unser Erleben mit allem Wissen über die äusseren Eigenschaften der Welt vermutlich nie erklären können. Wir können es uns auch als unsterblich vorstellen. Erleben zeigt damit die wesentlichen Eigenschaften, die wir einer Seele zuweisen. Deshalb sage ich: Die Seele ist gefunden.

 

Wir selbst sind Seele. Wir sind Seele und wir haben einen Körper. Es gibt sie, die Seele. Seele ist nicht nichts.

 

Wir müssen uns aber mit einigem abfinden, das uns nicht gefällt. Wir Menschen sind vermutlich nicht die einzigen beseelten Wesen. Auch Tiere machen auf uns den Eindruck empfindender Wesen. Ich kenne kein Argument, um anderen Menschen Empfindungen abzusprechen. Ich kenne auch kein sachliches Argument, um Tieren Empfindungen abzusprechen. Tiere können ausgezeichnete Kameraden werden, wenn wir sie entsprechend würdigen.

 

Diese Überlegungen führen zu einer weiteren Frage: Was macht denn das Besondere an uns Menschen aus?

 

Noch etwas: Ich habe das Erleben als die Grundlage jeden Wissens bezeichnet. Mag sein, dass sich manche Gegenstände nie in unserem Erleben zeigen, auch nicht indirekt. Vielleicht gibt es auch manches, das wir mit unserem beschränkten Geist gar nicht verstehen könnten. Vielleicht ist unserem Wissen manches unzugänglich. Ich selbst bin davon überzeugt. Aber über Dinge, von denen wir nichts wissen können, können wir auch nicht sinnvoll reden. Unser Wissen könnte eine Grenze haben, die wir nicht überschreiten können. Gegen diese Erkenntnis weiss ich nichts einzuwenden.