Wir als Lebewesen

 

Wir Menschen sind Lebewesen. Leben schafft sich selbst. Es plant nicht. Leben vermehrt sich, soweit es sich bewährt. Wir sind Organismen. Als Organismen obliegt uns die Aufgabe, unser Erbgut zu vermehren. Aufgabe erfüllt, sterben wir. Wir sind sterblich! Wir sind auch lebenstüchtig und lebensfreudig. Selbständig steuern wir unser Tun nach vorgegebenen Interessen. Da Lebensraum ist immer knapp ist, müssen wir um ihn kämpfen.

Was ist Leben? Eine Antwort zu geben ist auch für spezialisierte Wissenschaftler nicht einfach. Lassen wir es daher. Befassen wir uns mit dem Leben, so wie wir es im Alltag sehen.

Das Wesentliche für uns: Die Prozesse, die wir als Leben bezeichnen können, unterstanden und unterstehen immer dem Prinzip der Evolution. Es überlebt, was sich bewährt. Eine planmässige Konstruktion lässt sich in dieser Entwicklung nicht erkennen. Insofern müssen wir das Leben als ein Produkt des Zufalls betrachten. Nicht einmal sein Bestehen oder seine weitere Entwicklung können wir als sein Ziel betrachten. Beides hat sich einfach so ergeben.

Einen Zweck aber erfüllen die Lebewesen selbst. Es lebt, um den Prozess weiterzuführen, der es hervorgebracht hat.

Organismen

Höher entwickeltes Leben ist weitgehend ein Leben von Organismen. Organismen können wir als selbständige Einheiten betrachten, die sich unter Aufnahme der nötigen Energie aus Keimen entwickeln und, einmal voll ausgebildet, neue Keime hervorbringen. Auf diese Weise sorgen sie für den Fortbestand und die Weiterentwicklung des Lebens. Einem Organismus liegt ein Bauplan zugrunde. Der Bauplan sagt, was wann und wie zu geschehen hat, damit ein neuer Organismus entsteht. Der neue Organismus kopiert den Plan, gibt ihn weiter und sorgt auch für die nötige Infrastruktur, damit weitere gleichartige Organismen entstehen können. Es trennen sich die Teile, die den Bauplan enthalten, von jenen anderen, deren Tätigkeit die Kopien des Bauplans entstehen und ihn so verbreiten lässt. Wir finden zum einen die Keimbahn, das genetische Material, potenziell unsterblich und auf Vermehrung angelegt; zum anderen den Organismus, den blossen Diener des Prozesses, der für die Vermehrung und Verbreitung des genetischen Materials zu sorgen hat. Nach erfüllter Aufgabe wird er vom Leben nicht weiter benötigt. Es entsteht die Sterblichkeit als Prinzip des höheren organismischen Lebens.

Organismen könnte man als eine geniale Erfindung betrachten, wenn die Natur mit ihrer Entwicklung einen Zweck verfolgt hätte. Das hat sie nicht. Man kann sagen, die Natur experimentiere. Änderungen an den Bauplänen üben einen Einfluss auf die Fähigkeit des Organismus aus, Nachkommen hervorzubringen. Die Baupläne von Organismen, die sich stärker vermehren, setzen sich gegenüber den Bauplänen anderer Organismen durch. So entwickelt sich das Leben. Die Eigenschaften des Organismus müssen also einen Zweck erfüllen, den Zweck wirkungsvoller Vermehrung.

Zum Leben gehört Konkurrenz

Das höhere irdische Leben besteht also aus Keimbahn und sterblichen Körpern. Den Körpern kommt die Aufgabe zu, unter den vorgegebenen Bedingungen für die möglichst wirksame Verbreitung des in den Keimen enthaltenen genetischen Materials zu sorgen. Das genetische Material wiederum lässt Körper mit den nötigen Eigenschaften und Fähigkeiten entstehen. Genetisches Material und Körper bilden eine untrennbare Einheit.

Nun sind Lebensräume immer knapp, denn es gehört zu allen Arten von Lebewesen, zu viele Nachkommen hervorzubringen. Nur dank den Überschüssen kann sich das Leben entwickeln! Zwangsläufig entsteht Konkurrenz um die verfügbaren Ressourcen. Der einzelne Organismus muss sich nicht nur in seiner Umwelt bewähren, er muss sich auch gegen andere Organismen derselben Art durchsetzen. Konkurrenz ist daher oft auch mit Kampf gegen Gleichartige verbunden. Konkurrenz als Eigenschaft alles Lebendigen kommt also zwangsläufig zustande. Ein biologisches Naturgesetz, ein Lebensprinzip a priori! Ohne Konkurrenz kein Leben! Konkurrenz ist das treibende Prinzip der Entwicklung, denn nur dank der Konkurrenz entstehen neue Arten. Als Lebewesen unterliegen auch wir Menschen diesem Prinzip.

Überschüssiges Leben führt nicht nur zu Konkurrenz zwischen Arten und Individuen. Leben ist auch oft von Not begleitet, da es sich bemüht, auch unter ungünstigen Bedingungen zu überleben. Auch Not gehört zum Leben!

Zweck!

Aus Sicht des Lebens dienen die Organismen dem Zweck der wirkungsvollen Verbreitung ihres genetischen Materials. Einen Zweck erfüllt bei höheren Tieren auch ihr Verhalten. Zum Überleben auf sich selbst gestellt, müssen Tiere ihr Tun zweckmässig steuern. Sie müssen sich in ihrer Umwelt orientieren, sich die nötigen Mittel zum Leben verschaffen, Gefahren meiden, sich gegenüber anderen Organismen durchsetzen und sich fortpflanzen. All diese Aufgaben müssen sie aus eigenem Antrieb erfüllen. Das bedeutet, sie brauchen so etwas wie einen Willen. Der Wille richtet sich auf Ziele, die erreicht werden sollen. Bedürfnisse geben die Ziele vor. Sie sagen dem Tier und auch uns Menschen, was wir wollen sollen. Auf uns selbst gestellt, erleben wir diesen Willen als frei.

Das Leben selbst erfüllt keinen Zweck. Aber es hat Wesen entstehen lassen, deren Existenz einen Zweck erfüllen soll. Aus Sicht des Lebens liegt der Zweck in der Weitergabe des Lebens. Der subjektive Zweck aus Sicht des Tiers ist ein anderer. Es hat Bedürfnisse und strebt nach deren Befriedigung. Es frisst, weil es Hunger hat, und es trinkt aus Durst. Wenn es frisst und trinkt, schert es sich nicht um seine genetischen Anlagen, die es aus Sicht des Lebens verbreiten soll. Aber seine Bedürfnisse führen es zu einem für die Verbreitung seines Erbguts zweckmässigen Verhalten. Bedürfnisse äussern sich in Interessen. Nach ihnen richtet sich alles Tun. Im Hinblick auf seine Interessen hat das Verhalten für das handelnde Wesen Sinn. Das gilt auch für uns Menschen.

Geist!

Die Prozesse der Verhaltenssteuerung im Hinblick auf subjektiv sinnvoll empfundene Zwecke sind das, was wir sinnvollerweise als Geist bezeichnen können. Indem das Leben Wesen geschaffen hat, die ihr Tun auf Zwecke ausrichten und die zielgerichtet Informationen verarbeiten – das heisst denken –, um zu überleben, hat es Geist geschaffen. Wesen mit Geist kennen Werte und haben Interessen. Die Welt hat für sie eine Bedeutung, das Verhalten hat für sie einen Sinn. Sie haben den Willen, den Interessen entsprechend zu handeln. Zum Geist gehören der Wille, etwas zu tun, und die Absicht, das Verhalten im Sinne der eigenen Interessen zu steuern.

Wir Menschen als Lebewesen

Die kurzen und bewusst einfach gehaltenen Gedanken über uns Menschen als Lebewesen und zur Geburt des Geistes führen – eigentlich unerwartet – zu einer ganzen Reihe entscheidender Einsichten in unser Wesen:

– Wir Menschen sind sterblich. Wir sind höhere Organismen, also Körper, die nach erfüllter Aufgabe nicht weiter benötigt werden. Unsere Lebenszeit ist begrenzt von Geburt und Tod.

– Die Natur hat uns geschaffen. Dabei hat sie experimentiert. Geblieben ist, was sich bewährt hat. So hat uns das Leben im Verlauf der Evolution entstehen lassen, in kleinen Schritten, von einfacheren zu immer komplexeren Formen. Immer kam es dabei ausschliesslich auf die weitere Verbreitung des Prozesses an, dem wir angehören. Diese Anforderung hat uns als Wesen geprägt. Unsere Anlagen sind ein Produkt der Evolution, keine geplante Konstruktion.

– Alle Organismen müssen sich in dauernder Konkurrenz gegen fremde und verwandte Organismen durchsetzen. Auch wir Menschen sind auf Konkurrenz angelegt. Wir sind Wesen, die sich im Leben auch gegenüber Gleichartigen durchsetzen wollen und müssen.

– Als Lebewesen sind wir zum Leben geschaffen. Wir haben – als gesunde Menschen – Lebensmut. Wir leben gern.

– Als Organismen sind wir auf uns selbst gestellt. Die Sorge um unser Leben ist uns selbst anvertraut. Wir wollen überleben. Wir sind an uns und an unserem Leben interessiert. Unsere Verletzlichkeit und unsere Sterblichkeit sind für uns ein Problem.

– Um zu überleben und uns fortzupflanzen, müssen wir aus eigenem Antrieb das Nötige tun. Wir sind Wesen mit einem Willen. Wir erleben ihn als frei.

– All unser Tun und Denken richtet sich auf einen Zweck. Wir haben Interessen. Was immer wir tun, hat für uns Sinn und Bedeutung.

– Wir kennen Gutes, Richtiges und Zweckmässiges auf der einen, Schlechtes, Falsches und Unzweckmässiges auf der anderen Seite. Was wir tun, muss dem Überleben dienen. Erfüllt unser Tun diese Aufgabe, ist es sachlich richtig.