Der Weg

 

Wir haben es gesehen: Alles Wissen gründet auf dem je gegenwärtigen Erleben. Es ist uns unmittelbar gegeben. Wir müssen es hinnehmen, wie es auch immer ist. Es könnte immer auch anders sein. Daher können wir auch die Wahrheit dessen, was wir aus dem Erleben erschliessen, nie als wahr beweisen. Und doch verfügen wir über sehr viel verlässliches Wissen. Wie kommen wir dazu?

 

Erste Annahmen: Gleich zu Beginn stellen sich zwei Fragen, die Sie vermutlich als sonderbar ansehen. Ich habe sie schon erwähnt. Es sind die Fragen: „Sind wir überhaupt denkende Wesen?“ und „Beruhen unsere Erinnerungserlebnisse auf Spuren vergangener Eindrücke?“. Ich mache mir die Sache einfach und beantworte die beiden Fragen einfach einmal mit ja. Habe ich Gründe dagegen? Nein! Also wollen wir einmal sehen, was da herauskommt.

 

Ich stelle Regelmässigkeiten fest. Gerade jetzt habe ich den Eindruck „Ich sitze vor meinem Computer“. Ich kann den Eindruck hervorrufen „Ich schliesse die Augen.“ Welcher Eindruck wird folgen? Es ist der Eindruck „Ich sehe nichts“. Auf den Eindruck „Ich öffne die Augen wieder“ kehrt der Eindruck „Ich sehe den Computer“ wieder zurück. Ich kann es versuchen, so oft ich will. Immer dasselbe.

 

Es gibt eine Brücke! Eine erste, ganz einfache Lehre: Ich kann offensichtlich Vorstellungen über kommende Eindrücke bilden und dann feststellen, ob sie auch eintreffen. Dank dieser Fähigkeit kann ich mein eigenes Erleben beobachten und zum Beispiel Regeln im Ablauf der Eindrücke ermitteln. Diese Fähigkeit ist offensichtlich die praktische Grundlage des Erkenntnisprozesses. Sie bildet die Brücke von den subjektiven Eindrücken zu Erkenntnissen. Es gibt eine solche Brücke!

 

Das Prinzip des Erkennens: Erkennen heisst also: Eindrücke beobachten – auf neue Eindrücke folgern – beobachten, ob die vermuteten Eindrücke auch eintreffen. Der Methode für den Erwerb von Wissen ist offensichtlich ganz einfach! Beobachtung steht immer an Anfang des Erwerbs von Wissen, Beobachtung steht auch am Schluss. Dazwischen steht das Folgern. Wir bezeichnen diese Methode auch als empirisch.

 

Ein erster Eindruck: Im Ablauf unserer Eindrücke zeigen sich manche Regelmässigkeiten. Wir wissen nicht, warum das so sein soll. Wir stellen es einfach fest. Offensichtlich suchen wir gerne nach solchen Regelmässigkeiten und versuchen dann, anhand von solchen Regeln eintretende Eindrücke zu erklären. Oft gelingt es ganz gut.

 

Auch Selbstverständliches lässt sich begründen. Schon unter „Grundlagen“ habe ich erwähnt, dass wir über manches Wissen verfügen, verfügen müssen, um unser Leben erfolgreich zu bewältigen. Manches hinterfragen wir nicht. Allzu klar erscheint uns seine Wahrheit. Wenn unser Wissen aber zutrifft, dann muss sich die Methode, die ich angegeben habe, auch dafür eignen, dieses Wissen als zutreffend zu begründen. Es ist tatsächlich so. Ich will es mit einem Beispiel verdeutlichen. Mit diesem Beispiel kann ich auch zeigen, wie wir in der Praxis Wissen erwerben und begründen. Es geht um die in der Philosophie häufig gestellte Frage: „Gibt es überhaupt eine Welt, die auch besteht, ohne dass wir sie beobachten?“ Manche Philosophen, die sich für sehr klug halten, bestreiten deren Existenz. Ich nicht!

 

Gibt es eine Welt? Ich mag mich an viele bestimmte, gleichartige Eindrücke erinnern – Sie sich sicher auch: Ich betätige den Schalter und das Licht geht an. Wie kommt dieser Eindruck zustande? Ich weiss es. Überlegungen zur Herkunft des elektrischen Stromes und manche Kenntnisse helfen mir. Das Licht geht an, weil nach Betätigung des Schalters ein elektrischer Strom fliesst. Der Strom wird in Elektrizitätswerken erzeugt, in meist sehr grossen Anlagen, die Energie aus verschiedenen Quellen – Wasserkraft, Kernfusion, Wind oder Sonnenlicht – in elektrische Energie umwandeln. Der Strom gelangt über elektrische Leitungen – zuerst über Hochspannungsleitungen zur Überwindung grosser Distanzen, dann über die örtliche Feinverteilung und schliesslich über die Hausinstallation – in den Schalter und in die Lampe. Dort erzeugt er Licht, dank der Energie, die in ihm steckt. All diese Informationen sind nicht spontan in meinem Kopf entstanden. Ich habe sie, wie ich mich erinnere, im Schulunterricht und durch Lesen von Büchern und Artikeln in der Presse erworben. Auch verfüge ich über manche Erinnerungen an Anlagen zur Produktion von elektrischer Energie: Stauseen in den Bergen mit imposanten Druckleitungen, Flusskraftwerke, Kühltürme von Kernkraftwerken, Solarzellen und anderes mehr. Viele Eindrücke zeigen mir Hochspannungsleitungen. Ich erinnere mich auch, wie ich in den Ferien während meiner Gymnasialzeit beim Erstellen von Hausinstallationen mitgeholfen habe. Alle diese Erinnerungen beziehen sich auf Einrichtungen, die meinen Eindruck erklären, dass beim Drücken des Knopfes das Licht angeht. Und jetzt die Frage: Ist es sinnvoll, an der realen Existenz all dieser Einrichtungen zu zweifeln? Wenn ich verstehen will, weshalb auf den Eindruck „Ich betätige den Schalter“ der Eindruck „Das Licht geht an“ folgt, dann muss ich davon ausgehen, dass jetzt irgendwo Strom erzeugt wird und dass jetzt Anlagen bestehen, die ihn hierher kommen lassen. Also muss jetzt etwas bestehen. Natürlich könnte es sein, dass nur besteht, was ich gerade wahrnehme. Es könnte ja alles auch nur ein Traum sein. Dann liesse sich aber nicht verstehen, wie denn dieses widerspruchsfreie, lückenlose System über die Hintergründe des Ereignisses „Schalter betätigt, Licht geht an“ in meinem Geist zustande kommt. Ohne die Annahme einer unabhängig bestehenden Welt kann ich die Struktur meiner Eindrücke nicht verstehen.

 

Suchen Sie selbst nach Bestätigungen für die unabhängige Existenz einer Welt! Auch manche andere Vorstellungen betrachten wir als selbstverständlich. Verfügen wir wirklich über einen Körper mit Sinnen? Sie werden sicher hinreichend gute Erklärungen für solche Fragen finden!

 

Erkennen praktisch: Das Beispiel zur Begründung der Existenz einer Welt zeigt, wie wir im Erkenntnisprozess praktisch vorgehen. Wir suchen nicht einfach nach einer möglichst grossen Anzahl gleichartiger Beobachtungen. Dass alle Raben, welche die meisten von uns in ihrem Leben gesehen haben, eine schwarze Farbe zeigten, bedeutet nicht, dass es nicht auch nicht-schwarze Raben geben könnte. In einem Park in Irland habe ich übrigens unter einer grösseren Schar halbzahmer Raben auch einige graue Exemplare gesehen. Zwar trifft es zu, wir stellen es fest: Offensichtlich funktioniert die Welt auf ganz bestimmte Art. Gewisse Regeln gelten immer. Als Beispiel die Schwerkraft: Sie äussert sich immer und überall, und zwar mit exakt bestimmbarer Stärke. Es müsste nicht sein. Aber die Beobachtungen des eigenen Erlebens führen uns zu diesem Schluss.

 

Allerdings verlassen wir uns nicht einfach auf eine möglichst grosse Zahl gleicher Eindrücke. Wie im Beispiel zur Begründung einer unabhängigen Welt gezeigt, vernetzen wir unsere Eindrücke. Wir schaffen ein riesiges Netz von Wissen. Neue Eindrücke versuchen wir widerspruchsfrei in dieses Netz einzubauen. Wir beweisen nicht. Wir suchen in diesem Netz nach Bestätigungen oder Widersprüchen für unsere Auffassung. Bestätigungen in anderen Bereichen und das Ausbleiben von klaren Widersprüchen können eine Stärke erzeugen, die uns sagen lässt: Für einen Zweifel an einer Auffassung gibt es keinen hinreichenden Grund. Dann können wir eine Meinung über einen Sachverhalt als verlässlich betrachten. Mein Erlebnis über das Licht, das beim Betätigen des Schalters angeht, bestätigt zusammen mit vielen anderen Eindrücken meine Auffassung über die unabhängige Existenz der Welt derart klar, dass für einen Zweifel keinen Platz mehr bleibt. Wir erwerben verlässliche Information also, indem wir unsere Beobachtungen widerspruchsfrei in ein riesiges Netz bestehenden Wissens einbauen.

 

An den Anfang meiner Überlegungen hatte ich ja die Vermutung gestellt, ich sei ein denkendes Wesen, dass seine Eindrücke beobachtet und daraus Schlüsse über deren Herkunft zieht. Ebenso sollten Erinnerungen Spuren vergangener Eindrücke sein. Auch diese Annahmen können wir mit Hilfe unseres widerspruchsfreien Weltbildes hinreichend gut bestätigen. Wir können zum Beispiel auf unsere Entstehung im Rahmen der Evolution oder unser Gehirn hinweisen: Zwangsläufig hat uns die Natur die Fähigkeit, die Umwelt zu erkennen, mitgeben müssen. Wir müssen anhand unserer Eindrücke auf Eigenschaften der Welt schliessen! Mit dem Gehirn kennen wir auch den Ort, wo Erinnerungen gespeichert werden.

 

Denken sie auch daran. Wir können zwar theoretisch an allem zweifeln. Aber auch ein Zweifel müsste begründet werden. Die blosse Möglichkeit bestätigt keinen Zweifel! Ein lästiges Problem besteht allerdings: Ein klares, eideutiges Merkmal für die Verlässlichkeit einer Meinung finden wir nirgends. Damit müssen wir leben.