Wie wollen wir „erkennen“ verstehen?

 

Den Weg, wie wir zu Erkenntnissen kommen, haben wir behandelt. Allerdings haben wir den Erkenntnisprozess erst dann wirklich verstanden, wenn wir ihn in all seinen Konsequenzen begriffen haben. Denn der richtigen Auffassung von Erkenntnis stellen sich manche intuitive, aber sachlich nicht haltbare Vorstellungen entgegen, darunter auch Auffassungen, die in der Philosophie erhebliche Verbreitung gefunden haben. Mit dem Folgenden will ich zum besseren Verständnis des Erkenntnisprozesses beitragen.

 

Jede Erkenntnis ist erschlossen! Sie ist erschlossen aus dem Gegebenen. Gegeben ist mir nur das je gegenwärtige Erleben. Alles andere muss ich erschliessen, das heisst, anhand des Gegebenen begründen. Ich kann daher das mir Gegebene und das Erschlossene unterscheiden. Zum Erschlossenen gehöre auch ich selbst als denkendes Wesen, meine Erinnerungen, andere Menschen mit ihren Körpern und ihrem eigenen Erleben und schliesslich die ganze Welt mit allem, was sie nach unserer Erfahrung beherbergt. Auch wenn ich an all diesen Sachverhalten nicht zweifle, beweisen kann ich ihre Existenz nicht.

 

Ebenfalls schon erwähnt habe ich die Methode, die uns zu Wissen führt: Alles Wissen ist empirisches Wissen. Zur empirischen Methode gehören sowohl das Beobachten als auch das Folgern. Das heisst wir beobachten, folgern aus der Beobachtung auf Sachverhalte und überprüfen wiederum anhand von Beobachtungen, ob unsere Folgerungen zutreffen.

 

Auf alles Wissen müssen wir schliessen. Diese Aussage ist unter Philosophen, auch unter Erkenntnistheoretikern, noch nicht Allgemeingut. In einer erkenntnistheoretischen Arbeit lese ich: „Die Krümel auf dem Tisch sehe ich. Auf das Brot, das zuvor da lag, schliesse ich!“ Der Autor des Satzes versteht den Erkenntnisprozess nicht. Auch auf die Krümel schliesst er! Er benötigt für diesen Schluss unter anderem umfangreiches Wissen über seinen Körper und dessen Sinne. Die Unterscheidung von direkter Beobachtung und folgerndem Schliessen ist, erkenntnistheoretisch gesehen, künstlich!

 

Insofern als jede Erkenntnis erschlossen ist, können wir unser gesamtes Wissen als eine einzige, umfassende Theorie bezeichnen.

 

Gibt es Wissen und Wahrheit? Natürlich. Aber wir müssen klar verstehen, was wir mit diesen Wörtern meinen. Als „wahr“ können wir eine Aussage bezeichnen, die uns über einen Sachverhalt verlässlich informiert. Wissen besteht aus wahren Aussagen, also aus verlässlicher Information. Verlässliche Information können wir guten Gewissens als „wahr“ bezeichnen. Wissen besteht aus verlässlicher Information. Es gibt Information, auf die wir uns verlassen könne, es gibt also Wissen! Wir könne es nicht leugnen. Allerdings ist Wissen nie beweisbar wahr. Aber eine Information kann, das habe ich schon gesagt, derart gut begründet sein, dass für Zweifel an ihrer Richtigkeit kein Platz mehr bleibt. Manche Information verdient die Bezeichnung „verlässlich“ aber noch nicht. Wir reden dann von Vermutungen oder Hypothesen.

 

Es braucht eine Spur im Erleben! Wir können nur sinnvoll von einem Sachverhalt reden, wenn wir seine Existenz annehmen könnten. Wir müssten sagen können, wie sich seine Existenz in unseren Eindrücken auswirken würde. Mit anderen Worten: Die Existenz des Sachverhaltes muss (theoretisch) falsifizierbar sein. Eine Spur im Erleben muss uns veranlassen, seine Existenz anzunehmen. Verlässliche Information zeigt uns die Welt in den Eigenschaften, die ihr wirklich zukommen. Anders gesagt: Sie zeigt uns die Welt, wie sie wirklich ist. Was im Erleben keine Spur hinterlässt – und sei es auf noch so vielen Umwegen – von dessen Existenz können wir nichts wissen und daher auch nicht bedeutungsvoll darüber reden. Die Rede von einem uns unzugänglichen „Ding an sich“, wie es der berühmte Philosoph Kant einmal gesagt hat, und wie es auch heute noch viele meinen, ist sinnleer. Über uns Unzugängliches wissen wir nichts, auch nicht über seine allfällige Existenz.

 

Unsere Vorstellungen über die Welt müssen uns also korrekt informieren. Wir können auch sagen: Die Vorstellungen müssen passen. Sie müssen auf die Welt passen wie ein Kleid auf den Körper. Indem das Kleid passt, enthält es zutreffende Information über den Körper.

 

Verlässliches bleibt verlässlich. Eine Information, wenn verlässlich, kann sich nicht mehr ändern. Eine einfache logische Wahrheit! Denn in diesem Sinne verstehen wir den Ausdruck „verlässlich“. Diese Aussage bedeutet nicht, dass sich eine in unserer Welt als allgemein gültig erkannte Regel nicht ändern könnte; ändern mit der Zeit oder ändern mit dem Geltungsbereich. Tatsächlich folgt die Welt im ganz Grossen und ganz Kleinen zum Teil anderen Regeln als die Welt im Alltag. In solchen Fällen müssen wir die Regeln des Alltags als Sonderfälle allgemeinerer Regeln verstehen.

 

Ist aber alle Information nur vorläufig? Diese Auffassung wird oft vertreten, vor allem auch von Physikern. Falsches wird aber nicht richtig, nur weil viele Leute es glauben! In aller Wissenschaft geht es um verlässliche Information. Eine Information kann ihre Verlässlichkeit nicht verlieren. Könnte sie es, wäre sie nicht verlässlich. Doch wie gerade gesagt, können wir Alltagserfahrungen nicht unbesehen auf alltagsferne Ereignisse übertragen. Deshalb scheint es mir wichtig, sich gerade in alltagsfernen Bereichen exakt die Frage nach der Verlässlichkeit von irgendwelchen Aussagen, eingeschlossen Existenzvorstellungen, zu stellen.

 

Verschiedene Arten von Wirklichem! Es folgt aus den Überlegungen zu den Grundlagen jeder Erkenntnis: Ich kann das mir Gegebene und das von mir Erschlossene unterscheiden. Als wirklich muss ich in erster Linie das mir Gegebene betrachten. Ich fühle mich, und ich kann dieses Gefühl nie mehr aus der Welt schaffen. Ich bin!

 

Wesentlicher scheint mir die Unterscheidung von Erleben – auch fremdem – und dem Vorhandenen. Ich kann es zwar nicht beweisen, aber die Folgerung ist plausibel: Auch andere Menschen erleben. So wie ich. Vielleicht tun es auch manche Tiere. Erleben können wir als die Innensicht bezeichnen, das andere, das Vorhandene, als Aussensicht. Die Innensicht anderer ist uns (vermutlich – ich bin davon überzeugt) nicht zugänglich. Man sagt auch, sie sei privat. Erleben ist in ganz anderer Weise als das Vorhandene. Das hatte schon der französische Philosoph René Descartes festgestellt. Die heutige Philosophie, auch die Philosophie des Geistes, sieht oft darüber hinweg.

 

Die Welt des Geistigen und die vorgegebene Welt: Es ist wichtig, neben der Trennung der Welt in Erleben und Vorhandenes eine weitere Unterscheidung zu treffen: Die Welt des uns vorerst noch unbekannten, empirisch Erforschten und die geistige Welt, die wir selbst schaffen. Zwar gründet auch die geistige Welt wohl auf materiellen Vorgängen. Die Sichtweise ist aber eine andere. Ich kann den Unterschied anhand des Begriffs „Gedanken“ erklären. Gedanken betrachten wir als Empfindungen. Heute nimmt man aber weitgehend an, dass bestimmte Gedanken mit gewissen Vorgängen im Gehirn verbunden sind. Wir könnten demnach einen Gedanken auf zwei Arten betrachten: als einen bestimmten Vorgang im Gehirn oder als eine bestimmte subjektive Empfindung. In die Welt des empirisch Erforschten gehört alles Materielle, dessen Regeln im Verhalten wir forschend ergründen, in die geistige Welt alles Erdachte, alles Geglaubte, unser ganzes Wissen, zusammengefasst in unserem Weltbild und natürlich auch die Regelsysteme, die uns erlauben, die Welt in ihren Eigenschaften zu erfassen: Logik und Mathematik. Die geistige Welt ist unser eigenes Werk, hier haben wir das Sagen!

 

Was ist „wirklich“? „Wirklich“ ist ein Wort. Es liegt an uns, wie wir es verstehen wollen. Zum einen wollen wir aber verstanden werden: Der Hörer soll unter einem Wort dasselbe verstehen wie der Sprecher. Uns soll aber auch die Bedeutung einleuchten, die wir dem Wort zuweisen. Ich halte ich es für zweckmässig, auch unser Erleben, dessen Existenz nie in Frage gestellt werden kann, als „wirklich“ zu bezeichnen. Ich halte es für sinnvoll, neben jedem Eindruck, den wir einmal erlebt haben, auch alle Sachverhalte als „wirklich“ zu bezeichnen, soweit wir die Information über ihre Existenz als verlässlich betrachten können. Nach dieser Definition ist alles wirklich, alles, was erlebt wird und alles, worauf wir auf Grund irgendwelchen Erlebens schliessen können. Wirklich ist aber alles nach seiner Art: Ein Erlebnis als Erlebnis, ein geistiges Erzeugnis (zum Beispiel ein Musikstück) als geistiges Erzeugnis und ein materieller Sachverhalt als materieller Sachverhalt.

 

Das Bild ist nicht die Realität! Nebenbei: das sinnliche Bild von der Welt. Unser sinnliches Bild zeigt nicht einfach die Realität. Es wird von der Wahrnehmung erstellt. Selbstverständlich finden wir in der Welt keine Farben und Gerüche. Sie entstehen im Gehirn auf Grund von chemischen Reizen. Allerdings enthält dieses Bild Information über Eigenschaften der Welt.

 

Können wir alles wissen? Ich habe es schon erwähnt: Sinnvoll reden können wir nur über Gegenstände, die in unserem Erleben eine Spur hinterlassen. Was in unserem Erleben keine Spur hinterlässt, davon können wir nichts wissen und daher auch nichts aussagen. Diese Aussage müssen wir nun auf zwei Seiten verstehen: Wir können weder wissen, ob solche Sachverhalte existieren, noch ob sie nicht existieren. Ich selbst halte die Existenz solcher Sachverhalte für wahrscheinlich. Aber eben: Es ist bloss ein Glaube. Vielleicht werden wir nie alles über die Welt wissen. Manches kann uns grundsätzlich unzugänglich sein. Anderes können wir vielleicht nicht erfassen, weil unsere geistigen Fähigkeiten dazu nicht ausreichen.