Zur Grundlage jeder Erkenntnis

 

Wir Menschen wissen vieles über die Welt, in der wir leben. Wir kennen unsere Umgebung. Wir wissen, wo wir wohnen, arbeiten und unsere Freizeit verbringen. Wir kennen unsere Angehörigen und viele andere Menschen. Wir wissen auch vieles über uns selbst, zum Beispiel über unseren Körper. Wir verfügen noch über sehr viel weitere Information zur Bewältigung unseres alltäglichen Lebens, Information, auf die wir uns verlassen können, Information, die wir als gewiss betrachten. Woher stammt all dieses Wissen über uns und die Welt? Das Meiste kann uns nicht genetisch vorgegeben sein. Wir mussten oder müssen es erwerben. Eine Grundlage muss uns zur Verfügung stehen.

 

Im Alltag und zum Teil auch in der Philosophie werden Sinneseindrücke als Grundlage für den Erwerb von Wissen über die Welt betrachtet. Sinneseindrücke können uns aber täuschen. Die Überlegungen des bekannten Philosophen René Descartes gehen noch weiter: Ein skeptischer Zweifel an der Wahrheit aller Aussagen über eine äussere Welt ist immer möglich.

 

Für den erkenntnistheoretischen Fundamentalismus ist dagegen das Gegebene Grundlage allen Wissens. Gegeben sind Erlebnisse, nie Sinneseindrücke! Am Bestehen von Erlebnissen lässt sich nicht zweifeln. Es bleibt aber das Problem, wie wir von Aussagen über Erlebnisse zu Aussagen über eine Welt gelangen. Wegen dieses Problems halten manche Philosophen unser Erleben als eine ungeeignete Grundlage für den Erwerb von Wissen.

 

Gedankenexperimente bestätigen es. Wir können tatsächlich keine Aussage über eine äussere Welt als unzweifelhaft wahr bezeichnen. Nur an der Existenz des je gegenwärtigen Ich-Erlebens können wir nicht zweifeln. Sie ist gegeben. Sie ist sogar das Wirklichste, das wir kennen! Denn was einmal erlebt worden ist, lässt sich als etwas einmal Erlebtes nicht mehr aus der Welt schaffen! Unsere naiven Vorstellungen über das Wirkliche halten sachlichen Überlegungen nicht stand! Wir müssen allerdings dieses Gegebene richtig verstehen. Auch den Inhalt der eigenen Gedanken, Meinungen und Überzeugungen müssen wir als blosse Erlebnisse ansehen. Erleben, so betrachtet, enthält keine Aussagen über Sachverhalte. Es ist einfach da. Möglich ist einzig die Beschreibung seiner jeweiligen Beschaffenheit. Als etwas, das nicht in Frage gestellt werden kann, bietet sich das Gegebene als die einzig mögliche Grundlage zur Begründung jeder Erkenntnis an.

 

Auch eine andere Überlegung kann uns zeigen, weshalb Wahrheiten über die Herkunft unserer Eindrücke nie als wahr bewiesen werden können. Wir erforschen Unbekanntes. Wenn wir unser Wissen durch rein logische Überlegungen finden könnten, müssten wir nicht forschen, sondern nur denken. Vielleicht werden Sie jetzt einwenden: „Aber in der Mathematik beweisen wir doch!“ Das trifft zu. Über dieses Problem werden wir später reden. Hier nur eine kurze Bemerkung: Mathematik enthält keine Information über irgendwelche Sachverhalte, die über die Mathematik selbst hinausgehen.

 

Es gibt noch eine dritte Überlegung, die dasselbe aussagt. Alles könnte doch nur Traum sein! Aber auch im Traum ist etwas da, das Traumerlebnis. - Unbestreitbar gibt es uns, uns als Ich-Erleben.

 

Aus dem Gesagten folgt Bemerkenswertes: Wir verstehen jetzt, wieso es beweisbare Wahrheit nicht gibt, nicht geben kann. Mit der Unmöglichkeit, Wissen als wahr zu beweisen, müssen wir uns abfinden! Wir verstehen jetzt, wieso jede Wahrheit anhand von Beobachtungen begründet werden muss. Wir verstehen auch, dass wir keinen Sachverhalt als existierend betrachten können, ohne dass uns Beobachtungen zur Annahme seiner Existenz veranlassen.

 

Bemerkenswert ist die zweite Folge aus dem Gesagten: Das Verständnis des Erkenntnisprozesses und seiner Grundlagen erlaubt uns, diesen Prozess selbst zu verstehen; das heisst die Art, wie wir zu Erkenntnissen gelangen. Wie es geht, werde ich in einem weiteren Kapitel sagen.

 

Noch zum richtigen Verständnis des Gegebenen: Gegeben ist uns nur das je gegenwärtige Erleben. Haben wir einen Körper? Sind wir selbständig denkende Wesen? Sind Erinnerungen Spuren vergangener Erlebnisse? Auch die Wahrheit dieser Aussagen ist nicht gegeben. Wir können sie aber leicht und sehr gut begründen.