Voraussetzungen

 

Wir erkennen. Aber was und wie?

Was wir erkennen, ist die Welt. Sie besteht unabhängig von mir. Nicht nur von mir, sondern von uns, uns Menschen.

Ich kann die Existenz der Welt zwar nicht beweisen. Wir werden sehen, wieso. Wir werden aber auch sehen, weshalb jemand, der die unabhängige Existenz – unabhängig von irgendwelchen erkennenden Wesen – einer Welt bestreitet, eigentlich in eine psychiatrische Klinik gehört.

 

Ein erster, sehr einfacher Sachverhalt: Die materielle Welt reizt unsere Sinnesorgane. Die Signale aus der Welt werden dem Gehirn übermittelt. Auf deren Grundlage erstellt dieses ein Bild von der Welt, ein visuelles mit Formen und Farben, ein akustisches mit Tönen, ein geruchliches und so weiter. Da sagt doch ein zeitgenössischer Philosoph, Farben – Farbeindrücke – seien eine Eigenschaft eines materiellen Gegenstandes. Ich protestiere. Ob ich die Philosophie abschaffen möchte? fragt mich der das Seminar leitende Dozent. Nein: Die Sinneseindrücke, die wir wahrnehmen, erstellt selbstverständlich das Gehirn. Sie sind nicht die Welt, nur ein Bild von ihr. Ein Bild, das Information über die Welt vermittelt. Das gelegentlich auch täuscht. Diesen Sachverhalt sollte man schon in der Primarschule den Kindern vermitteln.

 

Ein Wort zur Sprache. Gegenstand: Was verstehe ich unter diesem Ausdruck? Alles! Alles, wovon wir reden können, also nicht nur Gegenständliches, auch Eigenschaften und Bewegungen und anderes mehr.

Wir Menschen denken und reden über unsere Welt. Wir erfassen sie in all ihren Besonderheiten. Dazu isolieren wir bestimmte Gegenstände, auf das, was wir meinen. Mit anderen Worten: Wir beziehen uns auf einen bestimmten Gegenstand. In unseren Aussagen verknüpfen wir sie miteinander. – Wir brauchen also die Fähigkeit, etwas Bestimmtes zu meinen. Die Natur hat sie uns gegeben, geben müssen, damit wir uns in der Welt nach ihrem Zweck verhalten können (Lebenstüchtigkeit!).

Um über die Welt zu reden, brauchen wir die Sprache. Wie wir es auch gedanklich tun, kombinieren wir Gegenstände. Um von Gegenständen zu reden, brauchen wir Wörter; Wörter, mit denen wir etwas Bestimmtes meinen. Was wir mit einem Wort meinen, können wir als „Begriff“ bezeichnen. Selbstverständlich finden wir diese Begriffe nicht in einem „Begriffshimmel“. Einen solchen hat noch niemand gefunden. Wir schaffen die Begriffe als Sprachgemeinschaft selbst, indem wir miteinander sprechen. Wir wollen ja verstanden werden! Also verwenden wir Wörter, deren Bedeutung wir verstehen, von denen wir annehmen können, was der Sprechende darunter versteht. Was wir unter einem Wort verstehen, ist in der Regel nicht genau festgelegt. Das kann es auch nicht sein; die Welt ist viel zu kompliziert, um sie mit einer beschränkten Anzahl von exakten Wörtern zu beschreiben. Daher unterscheiden sich auch die Begriffe verschiedener Sprachen, und auch in einer bestimmten Sprache kann sich ihre Bedeutung ändern.

Wir können also sagen: Wörter meinen etwas. Sie haben, mit anderen Worten, eine Bedeutung. Die Bedeutung besteht meistens in einem bestimmten Bereich der Welt, auf sie sich beziehen. Die Sprachgemeinschaft selbst ist frei, einem Wort eine bestimmte Bedeutung zuzuweisen. Als Individuen wollen wir aber verstanden werden. Daher verwenden wir Wörter so gut als möglich in ihrer allgemein verbreiteten Bedeutung. Wir können Sprache auch als Mittel zur Kodierung von Information verstehen.

 

Gedanklich beziehen wir uns auf Gegenstände. Wir betrachten sie als Individuen. Ein Gegenstand ist immer genau derjenige Gegenstand, den wir meinen, nie ein anderer. Das gilt auch dann, wenn sich die Bedeutungen, die wir verschiedenen Gegenständen zuweisen, überschneiden. Ich kann zum Beispiel vom Arm als Ganzem reden oder auch vom Oberarm und vom Unterarm. Ich rede in diesem Falle von drei verschiedenen Gegenständen. Ein Gegenstand hat auch genau die Eigenschaften, die wir meinen. Er ist so, wie wir ihn meinen. Ein Gegenstand mit Ecken kann zum Beispiel nicht rund sein, weil wir ihn als Gegenstand mit Ecken verstehen! Das heisst allerdings nicht, dass wir jeweils genau wissen, was wir eigentlich meinen. Schliesslich kann ein Gegenstand nur sein oder nicht sein. Ein drittes gibt es nicht.

Wenn wir nun einen Gegenstand betrachten und dabei von all seinen Eigenschaften absehen – also abstrahieren – bleibt nur noch die Tatsache übrig, dass da etwas ist. Damit schaffen wir die Grundlage der Mathematik, genauer gesagt, der Arithmetik. Denn jetzt können wir zählen. Sowenig wie wir Begriffe in einem „Begriffshimmel“ vorfinden, sowenig finden wir auch die Mathematik in einem „Mathematikhimmel“. Begriffe wie auch die Regeln der Mathematik sind unsere eigene menschliche Erfindung.

Damit man mich richtig versteht: Unter Gegenstand verstehe ich immer dasjenige, was ich meine. Ich kann einen materiellen Gegenstand meinen, eine Eigenschaft, eine Handlung, ein Erlebnis, eben alles, was es gibt. Und alles, was es gibt, bezeichne ich als wirklich. Also sind für mich auch Eigenschaften, Bewegungen und Empfindungen wirklich. Sie alle bezeichne ich als existierend. Wirklich, existierend, es gibt …, das alles ist für mich dasselbe. Das Wort „Gegenstand“, wie ich es verwende ist also nicht gegenständlich, nicht im Sinne von materiellen Dingen zu verstehen. Der Klarheit halber würde ich lieber den ungewohnten Ausdruck „Sachverhalt“ verwenden.

Übrigens: Nehmen Sie drei Eigenschaften, eine Form, füllen Sie diese mit Festigkeit und geben Sie dem Ganzen eine Masse: Fertig der materielle Gegenstand! Die Welt besteht nicht einfach aus materiellen Gegenständen! Wir sehen sie nur so! Es gibt in der Welt noch viel anderes! - Das sollte jeder Absolvent einer Mittelschule ebenfalls wissen.

 

Übrigens: Auch Abstraktes ist natürlich wirklich. So wir denn unter dem abstrakten Begriff etwas Wirkliches verstehen. In Bezug auf Wirklichkeit ist die Unterscheidung von abstrakt und konkret künstlich. Das hat mir einmal meine Enkelin Yael gezeigt. Sie war damals 19 Monate alt und mag sich natürlich an nichts mehr erinnern. Wir sassen an Weihnachten 2001 in der Runde. Sie ging zu jedem und wollte, dass er ihr die offene Hand hinstrecke. Dann tat sie so, als würde sie etwas in die Hand hinein tun und wollte, dass wir die Hand zum Mund führen und das angeblich in die Hand Gegebene essen. Ein konkretes Spiel! Aber nur ein Spiel, weil eben etwas Abstraktes fehlte: der Ernst, den eine solche Handlung im praktischen Leben hat. Ja, auch Abstraktes ist eben wirklich!